Wie viel Story ist zu viel Story? Storytelling zwischen Magie und Müdigkeit
Wie viel Story ist zu viel Story? Storytelling zwischen Magie und Müdigkeit

Wie viel Story ist zu viel Story? Storytelling zwischen Magie und Müdigkeit

Storytelling ist überall. Du begegnest Geschichten in Werbeanzeigen, auf Websites, in Social Media, in Podcasts, auf Verpackungen, in Präsentationen und sogar in E-Mails, die dir eigentlich nur sagen wollten, dass dein Paket unterwegs ist. Kaum etwas kommt heute noch ohne Story aus. Alles will Bedeutung haben, alles will berühren, alles will mehr sein als bloße Information. Genau hier beginnt die zentrale Frage dieses Artikels: Wie viel Story ist eigentlich gut – und ab wann wird Storytelling übertrieben?

Wenn du Content erstellst, eine Marke aufbaust, ein Produkt vermarktest oder einfach nur bessere Texte schreiben willst, stehst du ständig vor dieser Gratwanderung. Zu wenig Story wirkt kalt, austauschbar und beliebig. Zu viel Story kann anstrengend, unglaubwürdig oder sogar manipulativ wirken. Zwischen diesen Polen liegt ein schmaler Raum, in dem Storytelling seine volle Kraft entfaltet. Dieser Text nimmt dich mit auf eine ausführliche Reise durch genau diesen Raum. Ohne Buzzword-Bingo, ohne Checklisten, ohne schnelle Rezepte. Dafür mit Tiefe, Reflexion, aktuellen Strömungen und einem klaren Blick auf das, was Storytelling heute leisten kann – und was nicht.

Warum Storytelling so mächtig ist

Geschichten sind kein Marketing-Trick. Sie sind ein menschliches Grundbedürfnis. Schon lange bevor es Schrift gab, haben Menschen ihre Welt über Geschichten erklärt. Storytelling schafft Sinn, verbindet Fakten mit Emotionen und macht Komplexes verständlich. Dein Gehirn liebt Geschichten, weil sie Ordnung in Chaos bringen. Sie geben Informationen einen Rahmen, eine Richtung und eine Bedeutung.

Im Marketing und in der Kommunikation wird Storytelling genau deshalb eingesetzt. Eine gute Geschichte aktiviert Emotionen, und Emotionen sind der Schlüssel zu Erinnerung, Vertrauen und Entscheidungen. Wenn du dich an eine Marke erinnerst, erinnerst du dich meist nicht an technische Daten oder nüchterne Argumente, sondern an ein Gefühl. Storytelling ist der schnellste Weg zu diesem Gefühl.

Gleichzeitig ist genau diese emotionale Macht der Grund, warum Storytelling so leicht überstrapaziert wird. Wenn etwas wirkt, wird es kopiert. Wenn es kopiert wird, wird es inflationär. Und wenn es inflationär wird, verliert es an Wirkung.

Der Punkt, an dem Storytelling kippt

Storytelling wird dann zu viel, wenn die Geschichte wichtiger wird als das, was sie transportieren soll. Du merkst das oft intuitiv. Du liest einen Text, schaust ein Video oder hörst eine Kampagne und fragst dich irgendwann, worum es eigentlich ging. Die Story ist da, die Emotion ist da, aber der Kern verschwimmt.

Übertriebenes Storytelling erkennt man daran, dass es sich selbst feiert. Die Geschichte dreht sich im Kreis, verliert den Bezug zur Realität oder wirkt konstruiert. Plötzlich hat jedes Startup eine epische Gründungsstory, jede Marke einen gesellschaftlichen Auftrag und jedes Produkt eine emotionale Heldenreise. Das Problem ist nicht die Geschichte an sich, sondern die fehlende Erdung.

In einer Zeit, in der Menschen täglich mit Hunderten von Geschichten konfrontiert werden, ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Wenn du diese Aufmerksamkeit mit zu viel Pathos, zu langen Spannungsbögen oder künstlicher Dramatik strapazierst, schaltest du dein Publikum innerlich ab. Storytelling funktioniert nur, wenn es glaubwürdig bleibt und dem Empfänger Raum lässt.

Authentizität als Gegenbewegung

Ein zentrales Schlagwort der letzten Jahre ist Authentizität. Nicht als Marketingphrase, sondern als echte Erwartungshaltung. Menschen spüren sehr genau, ob eine Geschichte ehrlich gemeint ist oder ob sie nur erzählt wird, weil Storytelling gerade angesagt ist.

Aktuell lässt sich beobachten, dass überinszenierte Markenstories zunehmend kritisch betrachtet werden. Hochglanzvideos mit dramatischer Musik und bedeutungsschweren Voiceovers funktionieren nur noch dann, wenn sie wirklich Substanz haben. Ansonsten wirken sie schnell hohl. Der Trend geht klar in Richtung ehrlicher, unperfekter und nahbarer Geschichten.

Das bedeutet nicht, dass Storytelling leiser oder belanglos werden muss. Es bedeutet, dass die Geschichte aus der Realität entstehen sollte und nicht aus einer Marketingabteilung, die verzweifelt nach Emotionen sucht. Authentisches Storytelling erzählt nicht alles, sondern genau das, was relevant ist.

Die Rolle der Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter

Deine Zielgruppe ist heute schneller, informierter und kritischer als je zuvor. Inhalte werden gescannt, nicht gelesen. Videos werden nach Sekunden bewertet. Wenn eine Story zu lange braucht, um auf den Punkt zu kommen, ist sie verloren.

Hier liegt eine der größten Gefahren von übertriebenem Storytelling. Der Wunsch, eine möglichst große emotionale Fallhöhe aufzubauen, führt oft zu langen Einleitungen, verschachtelten Erzählsträngen und unnötigen Details. Dabei gilt mehr denn je: Klarheit schlägt Komplexität.

Eine gute Story im digitalen Raum ist kein Roman. Sie ist ein präziser Ausschnitt, der neugierig macht und relevant ist. Wenn du merkst, dass du immer weiter ausholst, um deine Geschichte zu rechtfertigen, ist das ein Zeichen dafür, dass sie vielleicht nicht stark genug ist – oder dass sie an dieser Stelle gar nicht gebraucht wird.

Storytelling als Selbstzweck

Ein weiteres Problem entsteht, wenn Storytelling zum Selbstzweck wird. Dann wird jede Kleinigkeit zur Geschichte aufgeblasen. Ein simples Feature-Update wird zur emotionalen Reise, ein normales Produkt zum Lebensveränderer und ein alltäglicher Service zum Sinnstifter.

Das führt langfristig zu Ermüdung. Wenn alles besonders sein will, ist irgendwann nichts mehr besonders. Menschen entwickeln eine feine Antenne für Übertreibung. Sie spüren, wenn eine Geschichte größer gemacht wird, als sie ist. Genau hier entsteht Distanz statt Nähe.

Gutes Storytelling respektiert die Intelligenz des Publikums. Es vertraut darauf, dass nicht alles erklärt, emotionalisiert oder dramatisiert werden muss. Manchmal ist eine klare Aussage wirkungsvoller als die beste Geschichte.

Die stille Kraft des Weglassens

Eine der unterschätztesten Fähigkeiten im Storytelling ist das Weglassen. Nicht jede Information braucht einen emotionalen Rahmen. Nicht jede Botschaft muss in eine Geschichte verpackt werden. Manchmal entsteht die stärkste Wirkung genau dort, wo du bewusst auf Story verzichtest.

Das Weglassen schafft Raum. Raum für Interpretation, für eigene Gedanken, für echte Verbindung. Wenn du deinem Publikum alles vorkaust, nimmst du ihm die Möglichkeit, selbst Teil der Geschichte zu werden. Gutes Storytelling lässt Lücken, die gefüllt werden wollen.

In aktuellen Kommunikationsstrategien zeigt sich immer häufiger dieser bewusste Minimalismus. Kürzere Texte, klarere Aussagen, weniger Inszenierung. Das ist keine Abkehr vom Storytelling, sondern seine Weiterentwicklung.

Storytelling und Manipulation

Ein heikler Aspekt, der immer relevanter wird, ist die Frage nach Manipulation. Storytelling kann beeinflussen, lenken und emotional steuern. Das ist seine Stärke – und seine Gefahr. Wenn Geschichten gezielt eingesetzt werden, um Unsicherheiten auszunutzen oder falsche Versprechen zu emotionalisieren, kippt Storytelling ins Unethische.

Gerade in sensiblen Bereichen wie Gesundheit, Finanzen oder gesellschaftlichen Themen ist Zurückhaltung gefragt. Übertriebene Geschichten können hier Schaden anrichten, weil sie rationale Entscheidungen durch emotionale Trigger ersetzen. Auch deshalb wächst das Bedürfnis nach Transparenz und Ehrlichkeit.

Storytelling sollte inspirieren, nicht überreden. Es sollte begleiten, nicht drängen. Sobald du merkst, dass deine Geschichte nur funktioniert, weil sie Angst, Schuld oder künstliche Sehnsucht erzeugt, ist sie zu weit gegangen.

Aktuelle Entwicklungen im Storytelling

Ein spannender aktueller Trend ist die Rückkehr zu echten Menschen und echten Erfahrungen. User Generated Content, persönliche Einblicke und ungefilterte Perspektiven gewinnen an Bedeutung. Diese Form des Storytellings ist oft leiser, aber wirkungsvoller, weil sie nicht perfekt sein will.

Gleichzeitig verändert künstliche Intelligenz die Art, wie Geschichten produziert werden. Inhalte lassen sich schneller, günstiger und in größerer Menge erstellen. Das erhöht jedoch auch die Gefahr von austauschbaren Stories. Umso wichtiger wird die Frage nach Relevanz und Echtheit.

Storytelling der Zukunft wird weniger laut sein, aber klarer. Weniger episch, aber näher. Weniger Inszenierung, mehr Substanz. Wer das versteht, hebt sich automatisch vom überladenen Einheitsbrei ab.

Wann Storytelling wirklich Sinn ergibt

Storytelling ist dann sinnvoll, wenn es hilft, etwas zu verstehen, zu fühlen oder einzuordnen. Wenn eine Geschichte Kontext schafft, Komplexität reduziert oder Identifikation ermöglicht, erfüllt sie ihren Zweck. Wenn sie nur dazu dient, Aufmerksamkeit zu erzwingen, wird sie schnell zur Belastung.

Es lohnt sich, vor jeder Story eine einfache Frage zu stellen: Was würde fehlen, wenn ich diese Geschichte nicht erzähle? Wenn die Antwort lautet, dass nichts Wesentliches verloren geht, ist die Story vielleicht verzichtbar.

Diese bewusste Entscheidung ist ein Zeichen von Reife in der Kommunikation. Sie zeigt, dass du nicht jeder Mode folgst, sondern dein Publikum ernst nimmst.

Die Balance zwischen Emotion und Information

Ein häufiger Fehler im übertriebenen Storytelling ist das Ungleichgewicht zwischen Emotion und Information. Entweder wird zu viel gefühlt und zu wenig gesagt, oder es wird so viel erklärt, dass keine Emotion mehr übrig bleibt.

Die Kunst liegt in der Balance. Emotion ohne Information ist leer. Information ohne Emotion ist austauschbar. Wenn beides ineinandergreift, entsteht Relevanz. Diese Balance zu finden erfordert Mut zur Klarheit und die Bereitschaft, sich von unnötigem Ballast zu trennen.

Storytelling im persönlichen Branding

Auch im Personal Branding ist Storytelling ein zweischneidiges Schwert. Deine Geschichte kann verbinden, inspirieren und Vertrauen schaffen. Sie kann aber auch konstruiert wirken, wenn sie zu perfekt erzählt ist.

Menschen interessieren sich für Entwicklung, nicht für Heldenmythen. Brüche, Zweifel und Umwege machen Geschichten glaubwürdig. Wenn dein Storytelling nur Erfolge zeigt und jede Schwäche dramaturgisch auflöst, entsteht Distanz.

Gerade hier gilt: Weniger Story kann mehr Nähe schaffen.

Weniger erzählen, mehr bedeuten

Die Frage „Wie viel Story ist zu viel Story?“ lässt sich nicht mit einer festen Regel beantworten. Sie ist abhängig von Kontext, Zielgruppe und Thema. Klar ist jedoch, dass Storytelling seine Wirkung verliert, wenn es inflationär, künstlich oder selbstverliebt wird.

Gutes Storytelling ist kein Dauerfeuer. Es ist ein gezielter Impuls. Es weiß, wann es spricht – und wann es schweigt. Es respektiert die Aufmerksamkeit des Publikums und vertraut auf dessen Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen.

Wenn du Storytelling bewusst einsetzt, ehrlich bleibst und den Mut hast, auch mal keine Geschichte zu erzählen, wirst du genau das erreichen, was viele mit übertriebenem Storytelling vergeblich suchen: echte Verbindung, nachhaltige Wirkung und Vertrauen.

Am Ende ist Storytelling kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug. Und wie bei jedem guten Werkzeug kommt es nicht darauf an, wie oft du es benutzt, sondern wie präzise.

Markus Flicker

Markus Flicker – Kreativer Unternehmer mit anhaltender konstruktiver Unzufriedenheit. Steiermark Graz Gleisdorf Österreich // Finden und Erstellen von visuellen Lösungen für dein Unternehmen. Markus Flicker Fotograf & Videograf Graz Contentcreator & Autor Fotografie / Bildbearbeitung / Workshops / Reisen / Blog / Podcast

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