36 Strategeme im Coaching – sinnvoll oder gefährlich?
36 Strategeme im Coaching – sinnvoll oder gefährlich?

36 Strategeme im Coaching – sinnvoll oder gefährlich?

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Coaching findet heute nicht mehr im geschützten Raum einfacher Zielklärung statt. Unsere Zeit ist geprägt von Unsicherheit, permanentem Wandel, psychologischer Überforderung und subtilen Machtspielen. Führungskräfte, Selbstständige und auch Privatpersonen stehen unter enormem Druck, sich durchzusetzen, handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig authentisch zu wirken. In genau diesem Spannungsfeld tauchen die 36 Strategeme im Coaching immer häufiger auf.

Sie versprechen Orientierung in komplexen Situationen, scheinbare Klarheit in emotional aufgeladenen Kontexten und einen strategischen Vorteil in schwierigen zwischenmenschlichen Konstellationen. Für viele Coachees klingt das wie eine dringend benötigte Landkarte. Doch jede Landkarte prägt auch den Blick auf die Landschaft. Wer die Welt nur noch als strategisches Spielfeld betrachtet, verändert unweigerlich sein Denken, Fühlen und Handeln.

Inhalt

Die 36 Strategeme als Spiegel moderner Leistungslogik

Dass die 36 Strategeme im Coaching aktuell so populär sind, ist kein Zufall. Unsere Gesellschaft ist stark leistungs- und ergebnisorientiert. Erfolg wird messbar gemacht, Beziehungen werden funktional betrachtet und Selbstoptimierung gilt als Tugend. In diesem Klima wirken Strategeme wie eine logische Konsequenz. Sie passen perfekt zu einer Denkweise, die Effizienz über Tiefe stellt und Wirkung über Wahrhaftigkeit.

Coaching gerät dadurch zunehmend unter Druck, Lösungen zu liefern statt Prozesse zu begleiten. Strategeme bedienen genau dieses Bedürfnis. Sie suggerieren, dass jede Situation lösbar ist, wenn man nur die richtige Strategie kennt. Doch menschliche Entwicklung folgt selten linearen oder taktischen Mustern.

Coaching oder strategische Schulung – eine stille Verschiebung

Wenn Strategeme im Coaching verwendet werden, verändert sich häufig unbemerkt die Rolle des Coaches. Statt Begleiter auf Augenhöhe wird er zum Experten für strategische Einflussnahme. Statt Fragen zu stellen, liefert er Denkmodelle, die eine bestimmte Weltsicht nahelegen. Diese Verschiebung ist subtil, aber wirkungsvoll.

Der Coachee lernt nicht nur, anders zu handeln, sondern auch, anders zu interpretieren. Konflikte werden nicht mehr als Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse gesehen, sondern als strategische Manöver. Emotionen werden nicht mehr gefühlt, sondern analysiert. Beziehungen werden zu Spielfeldern. Das kann kurzfristig hilfreich erscheinen, langfristig jedoch zu innerer Distanz und Misstrauen führen.

Psychologische Tiefe versus strategische Oberfläche

Ein zentrales Spannungsfeld beim Einsatz der 36 Strategeme im Coaching liegt zwischen psychologischer Tiefe und strategischer Oberfläche. Coaching arbeitet traditionell mit inneren Motiven, Glaubenssätzen, Emotionen und Selbstbildern. Strategeme hingegen operieren auf der Ebene von Verhalten und Wirkung.

Wenn Strategeme zu früh oder zu dominant eingesetzt werden, besteht die Gefahr, dass innere Prozesse umgangen werden. Statt sich mit eigenen Ängsten, Bedürfnissen oder Grenzen auseinanderzusetzen, lernt der Coachee, diese geschickt zu kaschieren. Das mag kurzfristig effektiv sein, verhindert jedoch nachhaltige Entwicklung.

Selbstwirksamkeit oder Selbstentfremdung

Befürworter der 36 Strategeme im Coaching argumentieren häufig mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit. Wer strategisch denkt, fühlt sich weniger ausgeliefert. Wer Dynamiken erkennt, kann bewusster handeln. Das ist grundsätzlich richtig. Doch Selbstwirksamkeit kann kippen.

Wenn Selbstwirksamkeit ausschließlich aus Kontrolle entsteht, geht sie oft mit Selbstentfremdung einher. Der Mensch beginnt, sich selbst als Figur im eigenen Schachspiel zu betrachten. Gefühle werden Mittel zum Zweck, Authentizität wird zur Taktik. Coaching sollte jedoch dabei helfen, sich selbst näherzukommen, nicht sich selbst zu instrumentalisieren.

Ethische Grauzonen im Coaching-Alltag

Die Arbeit mit Strategemen bewegt sich zwangsläufig in ethischen Grauzonen. Viele Strategeme basieren auf Täuschung, Verzögerung oder bewusster Irreführung. Auch wenn sie im Coaching nur indirekt oder metaphorisch eingesetzt werden, bleibt ihre Grundlogik erhalten.

Ein Coach, der Strategeme vermittelt, beeinflusst damit nicht nur das Verhalten seines Klienten, sondern auch dessen Werteverständnis. Die Frage lautet nicht nur, ob etwas funktioniert, sondern auch, ob es innerlich stimmig ist. Coaching ohne ethische Reflexion verliert seine Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Die Gefahr der Normalisierung von Manipulation

Ein besonders kritischer Aspekt ist die schleichende Normalisierung von Manipulation. Wenn Strategeme als clever, intelligent oder notwendig dargestellt werden, verliert Manipulation ihren problematischen Charakter. Sie wird zur Kompetenz umgedeutet.

Im Coaching kann dies fatale Folgen haben. Coachees lernen, ihre Umwelt nicht mehr als Beziehungssystem, sondern als strategisches Feld zu betrachten. Vertrauen wird ersetzt durch Kalkül. Offenheit wird zur Schwäche erklärt. Langfristig führt dies nicht zu stabilen Erfolgen, sondern zu innerer Leere und Beziehungsabbrüchen.

Strategeme als Diagnoseinstrument statt Handlungsrezept

Eine differenzierte Herangehensweise besteht darin, die 36 Strategeme nicht als Handlungsanleitungen, sondern als Diagnoseinstrumente zu nutzen. In diesem Kontext können sie helfen, verborgene Dynamiken zu erkennen, ohne sie aktiv zu reproduzieren.

Der Coach kann Strategeme nutzen, um Muster sichtbar zu machen, Machtspiele zu benennen und unbewusste Prozesse zu reflektieren. Entscheidend ist, dass der Fokus auf Bewusstwerdung liegt, nicht auf Anwendung. Der Coachee gewinnt Erkenntnis, ohne selbst zum Strategen werden zu müssen.

Coaching, Trauma und Strategeme

Besonders sensibel ist der Einsatz von Strategemen im Coaching bei Menschen mit biografischen Verletzungen oder traumatischen Erfahrungen. Strategische Denkmodelle können hier alte Überlebensmuster reaktivieren. Kontrolle, Anpassung und Täuschung waren für viele Menschen einst notwendig, um emotional zu überleben.

Coaching sollte diesen Menschen helfen, neue Erfahrungen von Sicherheit und Authentizität zu machen. Strategeme können diesen Prozess stören, indem sie alte Schutzmechanismen verstärken. Ein verantwortungsvoller Coach erkennt diese Dynamik und verzichtet bewusst auf strategische Konzepte, wenn sie dem Heilungsprozess im Weg stehen.

Aktuelle Coaching-Trends und ihre Wechselwirkung mit Strategemen

Der Coaching-Markt ist stark fragmentiert. Neben klassischem Coaching gibt es Performance-Coaching, Business-Mentoring, Mindset-Training und psychologisch inspirierte Ansätze. Strategeme werden vor allem dort eingesetzt, wo Coaching stark ergebnisorientiert und marktwirtschaftlich geprägt ist.

Parallel dazu wächst jedoch eine Gegenbewegung. Achtsamkeitsbasierte Ansätze, somatische Methoden und integrative Coaching-Modelle gewinnen an Bedeutung. In diesen Kontexten werden Strategeme zunehmend kritisch betrachtet, da sie nicht zur inneren Kohärenz beitragen.

Die Rolle von Bewusstsein im Coaching mit Strategemen

Bewusstsein ist der entscheidende Schlüssel im Umgang mit den 36 Strategemen im Coaching. Ein bewusster Einsatz bedeutet, die Wirkung der Strategeme zu kennen, ihre Grenzen zu respektieren und ihre ethischen Implikationen offen zu reflektieren.

Coaching darf kein Ort sein, an dem strategisches Denken unkritisch gefeiert wird. Es sollte ein Raum bleiben, in dem Wahrhaftigkeit, Selbstverantwortung und innere Klarheit Vorrang haben. Strategeme können diesen Raum bereichern, wenn sie bewusst und sparsam eingesetzt werden.

Langfristige Auswirkungen auf Persönlichkeit und Beziehungen

Ein Aspekt, der im Coaching oft unterschätzt wird, sind die langfristigen Auswirkungen strategischer Denkmodelle auf die Persönlichkeit. Wer dauerhaft in Strategemen denkt, verändert seine innere Haltung. Spontaneität, Verletzlichkeit und echte Nähe werden schwieriger.

Beziehungen leben jedoch von Vertrauen und Authentizität. Coaching sollte Menschen dabei unterstützen, tragfähige Beziehungen zu gestalten, nicht sie taktisch zu optimieren. Die 36 Strategeme stehen hier in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zu den Zielen nachhaltiger persönlicher Entwicklung.

Fazit: Die 36 Strategeme im Coaching brauchen klare Grenzen

Die 36 Strategeme im Coaching sind kein harmloses Denkspiel. Sie sind machtvolle Konzepte, die tief in Wahrnehmung, Beziehungsgestaltung und Selbstbild eingreifen. Ihre Wirkung reicht weit über kurzfristige Problemlösungen hinaus.

Sinnvoll sind sie dann, wenn sie zur Bewusstwerdung beitragen und kritisch reflektiert werden. Gefährlich werden sie, wenn sie als Erfolgsrezept oder Manipulationswerkzeug eingesetzt werden. Coaching braucht keine strategischen Helden, sondern bewusste Menschen.


Was sind die 36 Strategeme im Coaching?

Die 36 Strategeme sind ursprünglich chinesische Strategiemuster, die im Coaching als Denkmodelle zur Analyse von Dynamiken eingesetzt werden. Sie werden genutzt, um Machtstrukturen, Konflikte und verdeckte Prozesse besser zu verstehen, sind jedoch kein klassisches Coaching-Werkzeug.

Sind die 36 Strategeme mit ethischem Coaching vereinbar?

Das hängt stark von der Haltung des Coaches ab. Werden Strategeme zur Reflexion genutzt, können sie sinnvoll sein. Werden sie zur gezielten Manipulation eingesetzt, widersprechen sie den ethischen Grundsätzen von Coaching wie Transparenz und Selbstverantwortung.

Für wen sind Strategeme im Coaching besonders problematisch?

Besonders problematisch sind Strategeme im Coaching bei emotional belasteten oder traumatisierten Menschen. Sie können alte Überlebensmuster verstärken und den Zugang zu authentischer Selbstwahrnehmung blockieren.

Können die 36 Strategeme im Business-Coaching hilfreich sein?

Im Business-Coaching können Strategeme helfen, komplexe Organisationsdynamiken zu verstehen. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht zur Rechtfertigung manipulativen Handelns genutzt werden, sondern zur bewussten Reflexion von Strukturen und Rollen.

Warum sind die 36 Strategeme aktuell so populär im Coaching?

Ihre Popularität hängt mit Leistungsdruck, Unsicherheit und dem Wunsch nach Kontrolle zusammen. Strategeme versprechen schnelle Orientierung und Handlungssicherheit, treffen jedoch nicht immer die tieferen Bedürfnisse nach Sinn und Integrität.

Die 36 Strategeme erleben im Coaching seit einigen Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Kaum ein anderes Denkmodell aus der strategischen Tradition wird aktuell so häufig zitiert, adaptiert und vermarktet. Ob im Business-Coaching, im Leadership-Training oder sogar im Persönlichkeitscoaching – die alten chinesischen Strategeme scheinen plötzlich erstaunlich modern. Das ist kein Zufall. Ihre wachsende Popularität ist eng verknüpft mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie steigendem Leistungsdruck, permanenter Unsicherheit und einem tiefen Wunsch nach Kontrolle und Orientierung in komplexen Zeiten.

Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn obwohl die 36 Strategeme schnelle Klarheit und Handlungsfähigkeit versprechen, berühren sie nicht automatisch die tieferen Fragen nach Sinn, Werten und Integrität, die im Coaching ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Genau in diesem Spannungsfeld entfaltet sich ihre aktuelle Relevanz.

Die 36 Strategeme als Antwort auf eine beschleunigte Welt

Unsere Gegenwart ist geprägt von Geschwindigkeit. Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, Märkte verändern sich rasant, berufliche Rollen sind instabiler geworden. Viele Menschen erleben ihren Alltag als permanenten Ausnahmezustand. In dieser Beschleunigung wächst das Bedürfnis nach einfachen, klaren Denkrahmen, die helfen, Situationen rasch zu analysieren und handlungsfähig zu bleiben.

Die 36 Strategeme liefern genau das. Sie funktionieren wie mentale Abkürzungen. Statt lange zu reflektieren, welches Verhalten in einer bestimmten Situation angemessen sein könnte, bietet ein Strategem sofort ein Muster an, das Orientierung verspricht. Im Coaching wird diese Eigenschaft besonders geschätzt, weil Klientinnen und Klienten häufig mit dem Wunsch kommen, möglichst schnell zu einer Lösung zu gelangen.

Dabei passen die Strategeme gut in eine Zeit, in der Effizienz oft höher bewertet wird als Tiefe. Sie sind prägnant, einprägsam und lassen sich leicht auf unterschiedlichste Kontexte übertragen. Das macht sie attraktiv für Coaches, die mit wenig Zeit große Wirkung erzielen wollen, und für Coachees, die sich nach Klarheit sehnen.

Leistungsdruck als Nährboden für strategisches Denken

Ein zentraler Grund für die Popularität der 36 Strategeme im Coaching ist der allgegenwärtige Leistungsdruck. In vielen Organisationen wird erwartet, dass Menschen nicht nur fachlich kompetent sind, sondern auch strategisch denken, sich behaupten und flexibel auf Veränderungen reagieren können. Fehler werden weniger verziehen, Konkurrenz ist ständig präsent, Vergleiche sind durch soziale Medien und digitale Transparenz allgegenwärtig.

Unter diesen Bedingungen wächst das Interesse an Werkzeugen, die helfen, sich einen Vorteil zu verschaffen oder zumindest nicht ins Hintertreffen zu geraten. Die Strategeme versprechen genau das. Sie stammen aus einem Kontext, in dem es um Sieg, Überleben und Durchsetzung ging. Diese Herkunft verleiht ihnen eine Aura von Macht und Wirksamkeit, die im Coaching auf fruchtbaren Boden fällt.

Viele Coachees hoffen, durch das Verständnis strategischer Muster souveräner zu agieren, sich besser zu positionieren und ihre Ziele effizienter zu erreichen. Die Strategeme erscheinen dabei wie ein geheimes Wissen, das andere vielleicht nicht haben. Allein dieser Gedanke kann das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrolle stärken.

Unsicherheit und Ambiguität als Treiber der Nachfrage

Neben dem Leistungsdruck spielt Unsicherheit eine ebenso große Rolle. Berufliche Biografien verlaufen immer seltener linear. Branchen verändern sich, Jobs verschwinden, neue entstehen. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Gewissheiten brüchiger. Was früher als sicher galt, ist heute oft fragil.

In unsicheren Zeiten suchen Menschen nach Mustern, die Komplexität reduzieren. Die 36 Strategeme bieten genau das, indem sie ambivalente Situationen in klare strategische Logiken übersetzen. Sie geben das Gefühl, auch in unübersichtlichen Lagen einen Plan zu haben.

Im Coaching zeigt sich das häufig in der Frage nach dem „richtigen“ Vorgehen. Klientinnen und Klienten wollen wissen, welche Strategie sie anwenden sollen, um Risiken zu minimieren und Chancen zu maximieren. Die Strategeme liefern scheinbar zeitlose Antworten, die unabhängig von kulturellen oder historischen Kontexten funktionieren sollen. Diese zeitlose Qualität verstärkt ihre Attraktivität in einer Welt, die sich ständig verändert.

Der Wunsch nach Kontrolle in komplexen Systemen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Wunsch nach Kontrolle. Moderne Arbeits- und Lebenswelten sind hochkomplex. Viele Zusammenhänge sind nicht mehr direkt erfahrbar oder vollständig durchschaubar. Entscheidungen hängen von Faktoren ab, die sich nur begrenzt beeinflussen lassen.

Die Strategeme suggerieren, dass es möglich ist, auch in komplexen Systemen gezielt zu handeln. Sie vermitteln den Eindruck, dass hinter dem Chaos bestimmte Gesetzmäßigkeiten stehen, die man erkennen und nutzen kann. Im Coaching kann das entlastend wirken, weil es das Gefühl verstärkt, nicht ausgeliefert zu sein.

Dabei geht es weniger um tatsächliche Kontrolle als um das subjektive Erleben von Handlungsfähigkeit. Die Strategeme helfen, eine innere Ordnung herzustellen, selbst wenn die äußeren Umstände unübersichtlich bleiben. Dieses psychologische Moment ist ein entscheidender Faktor für ihre Popularität.

Coaching als Markt und die Rolle wirksamer Modelle

Auch der Coaching-Markt selbst trägt zur Verbreitung der 36 Strategeme bei. Coaching ist längst nicht mehr nur eine individuelle Entwicklungsbegleitung, sondern ein wettbewerbsintensiver Markt. Coaches stehen unter Druck, ihre Angebote klar zu positionieren und sich von anderen abzuheben.

Modelle wie die 36 Strategeme eignen sich hervorragend für Marketing und Positionierung. Sie wirken exotisch, tiefgründig und gleichzeitig pragmatisch. Sie lassen sich gut in Seminare, Workshops und Programme integrieren und versprechen konkrete Ergebnisse. Für Coaches sind sie damit ein attraktives Instrument, um Wirksamkeit zu demonstrieren.

Gleichzeitig passen sie gut in eine Kultur, die Erfolg oft mit strategischer Cleverness gleichsetzt. Wer strategisch denkt, gilt als professionell, souverän und überlegen. Diese Zuschreibungen machen die Strategeme im Coaching besonders anschlussfähig.

Die Faszination des Alten im modernen Kontext

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Faszination des Alten. Die 36 Strategeme stammen aus einer jahrhundertealten Tradition. In einer Zeit, in der vieles neu, schnelllebig und austauschbar erscheint, übt dieses Alter eine besondere Anziehungskraft aus.

Alte Weisheiten werden oft als tiefer und authentischer wahrgenommen als moderne Managementkonzepte. Sie vermitteln den Eindruck, über lange Zeit erprobt und bewährt zu sein. Im Coaching erzeugt das Vertrauen und verleiht den Strategemen eine gewisse Autorität.

Diese Autorität wird jedoch häufig abstrahiert von ihrem ursprünglichen Kontext. Die historischen und kulturellen Hintergründe treten in den Hintergrund, während die Strategeme als universelle Denkfiguren genutzt werden. Genau das macht sie flexibel, aber auch anfällig für Verkürzungen.

Schnelle Orientierung versus tiefe innere Klärung

So attraktiv die 36 Strategeme im Coaching auch sind, sie bringen eine grundlegende Spannung mit sich. Sie bieten schnelle Orientierung und Handlungssicherheit, greifen jedoch selten die tieferen Ebenen menschlicher Entwicklung auf. Fragen nach Sinn, Werten und Integrität lassen sich nicht ohne Weiteres strategisch beantworten.

Viele Coaching-Anliegen entstehen nicht nur aus äußeren Herausforderungen, sondern aus inneren Konflikten. Menschen fragen sich, wofür sie stehen, welche Entscheidungen sich stimmig anfühlen und wie sie authentisch leben können. Strategeme können hier zwar Impulse liefern, ersetzen jedoch keine tiefere Selbstreflexion.

Wenn Coaching sich zu stark auf strategische Muster fokussiert, besteht die Gefahr, dass innere Bedürfnisse übergangen werden. Dann wird zwar effektiv gehandelt, aber nicht unbedingt erfüllend. Diese Diskrepanz zeigt sich oft erst später, wenn kurzfristige Erfolge nicht zu langfristiger Zufriedenheit führen.

Integrität als blinder Fleck strategischer Modelle

Ein kritischer Punkt in der Anwendung der 36 Strategeme im Coaching ist das Thema Integrität. Strategeme stammen aus einem Kontext, in dem Zweckmäßigkeit oft über moralischen Erwägungen stand. Im modernen Coaching, das häufig auf persönliche Entwicklung und ethische Führung abzielt, kann das zu Spannungen führen.

Viele Coachees spüren intuitiv, dass nicht jede strategisch kluge Handlung auch innerlich stimmig ist. Wenn Strategeme unreflektiert angewendet werden, können sie zu Verhalten führen, das zwar effektiv, aber nicht kongruent mit den eigenen Werten ist.

Hier zeigt sich eine Grenze der strategischen Orientierung. Integrität lässt sich nicht als Strategie verordnen. Sie entsteht aus einem inneren Abgleich zwischen Handeln, Werten und Identität. Coaching, das diesen Abgleich vernachlässigt, bleibt an der Oberfläche.

Aktuelle gesellschaftliche Themen und die Strategeme

Die Popularität der 36 Strategeme im Coaching ist auch vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Themen zu verstehen. Themen wie New Work, hybride Arbeitsmodelle, digitale Transformation und künstliche Intelligenz verändern die Spielregeln in vielen Bereichen.

In solchen Umbruchsituationen suchen Menschen nach Orientierung. Strategeme werden dabei oft als Navigationshilfe genutzt, um sich in neuen Macht- und Kommunikationsstrukturen zurechtzufinden. Besonders in virtuellen Arbeitsumgebungen, in denen nonverbale Signale fehlen und Beziehungen fragmentierter sind, gewinnen strategische Überlegungen an Bedeutung.

Gleichzeitig verstärken soziale Medien den Eindruck, dass Erfolg planbar und strategisch herstellbar sei. Wer die richtigen Moves kennt, so die implizite Botschaft, kann sich durchsetzen. Die Strategeme passen gut in dieses Narrativ und werden daher gerne aufgegriffen.

Coaching zwischen Pragmatismus und Sinnsuche

Die zentrale Herausforderung im Umgang mit den 36 Strategemen im Coaching liegt darin, die Balance zu halten. Einerseits erfüllen sie ein reales Bedürfnis nach Pragmatismus und Klarheit. Andererseits dürfen sie nicht zum Ersatz für tiefere Entwicklungsprozesse werden.

Gutes Coaching nutzt strategische Modelle als Werkzeuge, nicht als Wahrheiten. Die Strategeme können helfen, Perspektiven zu erweitern und Handlungsspielräume sichtbar zu machen. Sie sollten jedoch eingebettet sein in einen Prozess, der auch emotionale, ethische und sinnstiftende Dimensionen berücksichtigt.

Wenn Coaching es schafft, strategisches Denken mit persönlicher Integrität zu verbinden, können die 36 Strategeme tatsächlich wertvoll sein. Sie werden dann nicht als Rezepte verstanden, sondern als Spiegel, der eigene Muster und Annahmen sichtbar macht.

Die Verantwortung der Coaches im Umgang mit Strategemen

Mit der wachsenden Popularität der 36 Strategeme steigt auch die Verantwortung der Coaches. Es reicht nicht aus, Strategeme zu erklären und anzuwenden. Entscheidend ist, wie sie kontextualisiert und reflektiert werden.

Coaches sind gefragt, ihre Klientinnen und Klienten dabei zu unterstützen, die Wirkung strategischer Entscheidungen auf sich selbst und andere zu bedenken. Dazu gehört auch, mögliche innere Konflikte ernst zu nehmen und Raum für Ambivalenz zu lassen.

Gerade in einer Zeit, in der einfache Antworten verführerisch sind, braucht Coaching die Fähigkeit, Komplexität auszuhalten. Die Strategeme können dabei helfen, sollten aber nicht zur Reduktion komplexer menschlicher Themen auf bloße Taktik führen.

Warum die 36 Strategeme bleiben werden – und warum sie nicht ausreichen

Die 36 Strategeme sind im Coaching so populär, weil sie zentrale Bedürfnisse unserer Zeit ansprechen. Sie bieten Orientierung in Unsicherheit, Handlungssicherheit unter Leistungsdruck und ein Gefühl von Kontrolle in komplexen Systemen. Ihre historische Tiefe und ihre pragmatische Anwendbarkeit machen sie attraktiv für Coaches und Coachees gleichermaßen.

Gleichzeitig zeigen sich ihre Grenzen dort, wo es um Sinn, Werte und Integrität geht. Strategeme können helfen, klüger zu handeln, aber sie beantworten nicht die Frage, warum und wofür gehandelt wird. Diese Frage bleibt eine zutiefst persönliche und lässt sich nicht strategisch lösen.

In einer reifen Coaching-Praxis werden die 36 Strategeme daher nicht als Allheilmittel verstanden, sondern als ein Werkzeug unter vielen. Ihre wahre Stärke entfalten sie dort, wo sie in einen größeren Entwicklungszusammenhang eingebettet sind. Dort, wo strategische Klarheit und innere Stimmigkeit sich nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Markus Flicker

Markus Flicker – Kreativer Unternehmer mit anhaltender konstruktiver Unzufriedenheit. Steiermark Graz Gleisdorf Österreich // Finden und Erstellen von visuellen Lösungen für dein Unternehmen. Markus Flicker Fotograf & Videograf Graz Contentcreator & Autor Fotografie / Bildbearbeitung / Workshops / Reisen / Blog / Podcast