Warum Kontrolle mein Überlebensmodus wurde. Kontrolle als Schutzschild: Was wirklich hinter meinem Perfektionismus steckt
Warum Kontrolle mein Überlebensmodus wurde. Kontrolle als Schutzschild: Was wirklich hinter meinem Perfektionismus steckt

Warum Kontrolle mein Überlebensmodus wurde. Kontrolle als Schutzschild: Was wirklich hinter meinem Perfektionismus steckt

Du bist kein Kontrollfreak, weil “etwas mit dir nicht stimmt”. Kontrolle als Schutzschild: Du bist so geworden, weil dir dein ganzes Leben erzählt wurde, dass du nichts ändern kannst. Und dein Inneres hat einen Weg gesucht, diesen Schmerz irgendwie erträglich zu machen.

Die Geschichte, die man dir über dich erzählt hat

Stell dir dein Leben wie eine Bühne vor, auf der du als Kind schon früh gelernt hast: Die Regie führen andere. Eltern, Lehrer, Chefs, Partner, Gesellschaft. Immer wieder kam – offen ausgesprochen oder subtil vermittelt – dieselbe Botschaft: “So ist es eben. Du kannst es nicht ändern. Sei dankbar. Stell dich nicht so an.”

Vielleicht waren es Sätze wie:

“Das bringt doch eh nichts.”
“Das ist halt dein Charakter.”
“Andere haben viel schlimmere Probleme.”
“Das war schon immer so.”

Mit der Zeit werden solche Sätze zu mehr als nur Worten. Sie werden zu einem Betriebssystem in deinem Kopf. Du beginnst, dich selbst so zu sehen, wie andere es dir eingeredet haben: als jemanden, der keine echte Wirksamkeit hat. Du machst Vorschläge, man lächelt milde darüber hinweg. Du meldest ein Bedürfnis, man nennt dich empfindlich. Du sagst “Das will ich nicht”, und man erklärt dir, warum du falsch liegst.

So entsteht ein Spalt in dir: Ein Teil spürt, dass du anders willst, dass du Einfluss hast, dass dein Inneres schreit: “Das kann nicht alles sein.” Der andere Teil wurde konditioniert zu glauben: “Ich kann sowieso nichts verändern.” In diesem Spalt wächst später die Kontrolle.

Die stille Dressur zur Hilflosigkeit

Du wurdest nicht an einem einzigen Tag zum Kontrollfreak. Es war eher eine stille Dressur, die sich über Jahre gezogen hat. Immer wenn du aus dir heraus handeln wolltest, hat etwas oder jemand dich zurückgepfiffen.

Vielleicht in der Familie, in der es klare Rollen gab: du warst die Vernünftige, der Vermittler, die, die keinen Ärger macht. Vielleicht in der Schule, wo es hieß: “Mach einfach, was gesagt wird, frag nicht so viel.” Vielleicht in Beziehungen, in denen deine Grenzen nicht ernstgenommen wurden. Jedes Mal, wenn du versucht hast, etwas zu verändern, bist du gegen eine unsichtbare Wand gerannt.

Dein Nervensystem lernt so: Initiative tut weh. Konflikt tut weh. Widerspruch tut weh. Also entsteht ein Muster: lieber anpassen, schlucken, klein machen, statt immer wieder zu scheitern. Nach außen wirkst du vielleicht ruhig, funktional, zuverlässig. Innen aber beginnt etwas zu brodeln.

Diese innere Hilflosigkeit ist kaum auszuhalten. Denn ein Mensch braucht das Gefühl, wirken zu können, Entscheidungen zu treffen, Spuren zu hinterlassen. Wenn du das große Ganze nicht verändern darfst, suchst du dir andere Stellen, an denen du Kontrolle spüren kannst. Daraus wächst langsam das, was andere später “Kontrollfreak” nennen.

Kontrolle als Ersatz für Macht

Kontrolle ist häufig kein Ausdruck von Stärke, sondern von erlernter Ohnmacht.

Wenn du tief in dir glaubst, dass du an den wichtigen Dingen nichts ändern kannst – an den Stimmungen anderer, an der Unsicherheit der Welt, an Ungerechtigkeit, an deiner Geschichte –, dann beginnt dein System, sich auf das zu werfen, was sich kontrollieren lässt oder wenigstens so anfühlt.

Du beginnst, kleine Abläufe perfekt zu planen, Termine millimetergenau zu koordinieren, alles zu strukturieren. Du willst die Wohnung genau so haben, wie du es dir vorstellst, weil dort niemand reinregiert. Du bist streng mit dir selbst, setzt dir hohe Standards, kontrollierst dein Aussehen, deine Leistung, deinen Körper. Nicht, weil du eitel oder pedantisch bist, sondern weil das die einzigen Bereiche sind, in denen du den Eindruck hast: Hier bestimme ich.

Kontrolle wird zu einer Art emotionalem Schmerzmittel. Sie gibt dir das Gefühl von Ordnung in einer Welt, in der man dir immer erzählt hat, dass du chaotischen Kräften ausgeliefert bist. Wenn du alles im Griff hast, musst du dich nicht mit der alten, tiefen Ohnmacht verbinden, die in dir sitzt. Je weniger du damals durftest, desto mehr willst du heute bestimmen. Über dich selbst, über Abläufe, manchmal sogar über andere – nicht aus Bosheit, sondern aus Angst.

Die moderne Welt als Verstärker deiner Kontrolle

Dein inneres Muster trifft auf eine Welt, die Kontrolle scheinbar glorifiziert. Du lebst in einer Zeit der Self-Tracking-Apps, der Fitnessuhren, der To-do-Listen-Tools, der Kalender mit Farbcode, der permanenten Optimierung. Überall begegnet dir die Botschaft: Du musst dein Leben im Griff haben. Deine Produktivität, deine Gesundheit, deinen Schlaf, deine Ernährung, deinen Medienkonsum, deine Karriere.

Gleichzeitig erlebst du die totale Unkontrollierbarkeit von Dingen: globale Krisen, politische Spannungen, Klimawandel, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, Social Media, die dein Nervensystem permanent überlasten. Du scrollst durch Nachrichten und Feeds und spürst im Hintergrund diese diffuse Angst: Die Welt ist instabiler, als es sich anfühlt, wenn du nur auf deinen perfekt geplanten Tag schaust.

Dein altes Muster – “Ich kann die großen Dinge nicht verändern” – verschmilzt mit diesen aktuellen Themen. Also verstärkst du die Kontrolle im Kleinen noch mehr. Du planst deinen Tag minutengenau, um nicht zu fühlen, wie unplanbar vieles geworden ist. Du reagierst gereizt, wenn jemand kurzfristig Pläne ändert, weil sich das für dein Nervensystem anfühlt wie eine Bedrohung deiner letzten Insel von Sicherheit. Du krallst dich an Routinen, weil sie dir das geben, was dir früher niemand gegeben hat: Verlässlichkeit.

In einer Welt, die gleichzeitig hyperkontrolliert und völlig unkontrollierbar ist, wirkt dein Kontrollverhalten nicht mehr “übertrieben”, sondern fast logisch. Du versuchst, innen zu stabilisieren, was außen wankt.

Was in deinem Inneren wirklich passiert

Wenn du dich selbst als Kontrollfreak erlebst, siehst du meistens nur die Oberfläche: dein Nachfragen, dein Überprüfen, dein Nicht-Loslassen-Können, dein Grübeln, deine Perfektion. Doch darunter läuft ein sehr altes, sehr logisches Programm: dein Nervensystem versucht, dich zu schützen.

In dir leben Erfahrungen von “Ich werde nicht gehört”, “Ich werde nicht ernst genommen”, “Ich habe keine Wahl”, “Es interessiert niemanden, was ich will”. Wenn sich Situationen heute ähnlich anfühlen – jemand sagt kurzfristig ab, jemand entscheidet über deinen Kopf hinweg, du bekommst keine klare Antwort, du wirst hingehalten – reagierst du nicht nur auf das Jetzt, sondern auch auf damals.

Dein Körper schaltet dann in Alarmbereitschaft. Vielleicht merkst du es als Druck in der Brust, als Kloß im Hals, als unruhigen Schlaf, als rasende Gedanken. Kontrolle ist deine Art, diesen Alarm wieder runterzudrehen: Wenn du alles im Griff hast, bist du sicher. Wenn du alles vorher siehst, trifft dich nichts unvorbereitet. Wenn du alles planst, muss du nie wieder erleben, wie es ist, wenn dir jemand sagt: “Stell dich nicht so an, du kannst sowieso nichts ändern.”

Doch in diesem Versuch, dich zu schützen, gerätst du in einen inneren Konflikt. Du willst Nähe, Leichtigkeit, Spontanität, Vertrauen – aber sobald du dich lockerer machst, fühlt sich das gefährlich an. Andere empfinden dich vielleicht als anstrengend, kontrollierend, perfektionistisch. Du selbst empfindest dich oft als erschöpft, innerlich angespannt und gleichzeitig unsicher. Tief in dir sitzt der Glaubenssatz: “Wenn ich nicht kontrolliere, geht alles schief. Wenn ich kontrolliere, bin ich wenigstens vorbereitet.”

Die unsichtbare Loyalität zu deiner Vergangenheit

Ein Teil deiner Kontrolle ist auch Loyalität. Loyalität zu dem Kind, das du einmal warst. Dem Kind, dem man gesagt hat, es könne sowieso nichts ändern. Du kontrollierst heute, weil du diesem Kind unbewusst versprichst: “Dieses Mal lasse ich dich nicht im Stich. Dieses Mal passe ich auf alles auf. Dieses Mal sehen wir jede Gefahr rechtzeitig.”

Manchmal bist du streng mit dir, weil du gelernt hast, dass Nachsicht dir nichts gebracht hat. Vielleicht hast du sogar begonnen, innerlich genauso hart mit dir zu sprechen, wie andere früher mit dir gesprochen haben. Du kritisierst dich, wenn du etwas nicht perfekt machst. Du verurteilst dich, wenn du nicht alle Eventualitäten bedacht hast. Du beschuldigst dich, wenn etwas schiefgeht. Aus Angst, wieder als machtlos, als naiv, als “schwach” dazustehen.

So hältst du die alte Geschichte unbewusst am Leben. Die Geschichte, dass du letztlich doch nichts ändern kannst, nur eben dieses eine: wie genau du leidest. In welchem Detailgrad du versuchst, dich zu schützen. Du bist unfassbar loyal zu dem alten Drehbuch, obwohl es dir nicht guttut. Denn etwas Neues zu schreiben, fühlt sich riskant an.

Die Gegenbewegung: deine heimliche Sehnsucht

Trotz all deiner Kontrollstrategien gibt es in dir eine andere Bewegung. Eine Sehnsucht, die sich in leisen Momenten meldet. Vielleicht, wenn du abends erschöpft ins Bett fällst und dich fragst, warum es sich anfühlt, als würdest du dein Leben eher managen als leben. Vielleicht, wenn du andere Menschen siehst, die spontaner wirken, entspannter, weicher mit sich selbst. Vielleicht, wenn du bemerkst, dass du dich nach Menschen sehnst, bei denen du nicht alles im Griff haben musst.

Dieser Teil in dir wünscht sich, glauben zu können: “Ich kann etwas verändern.” Nicht unbedingt die Weltpolitik, nicht das Verhalten aller Menschen um dich herum. Aber Dinge in deinem unmittelbaren Radius. Dein Nein, dein Ja, deine Grenzen, deine Entscheidungen, deine Art, mit dir zu sprechen. Er sehnt sich nach dem Gefühl, nicht nur zu kontrollieren, sondern zu gestalten.

Und genau hier beginnt die leise Revolution. Wenn du anfängst zu verstehen, dass dein Kontrollverhalten kein Charakterfehler ist, sondern ein Schutzpanzer, den du einst brauchtest, darfst du zum ersten Mal weich mit dir selbst werden. Du darfst sehen: Du bist nicht “zu viel”. Du bist jemand, der zu lange das Gefühl hatte, zu wenig bewegen zu können, und der daraus gelernt hat, im Kleinen umso heftiger festzuhalten.

Vom Kontrollfreak zum Gestalter

Die Frage “Warum bin ich so ein Kontrollfreak geworden?” trägt bereits die Keimzelle der Veränderung in sich. Früher hättest du dich vermutlich nur beschimpft: “Ich bin halt so.” Jetzt beginnst du zu schauen: “Was steckt dahinter?” In dem Moment trittst du innerlich einen Schritt zurück und siehst dich selbst nicht mehr als Defekt, sondern als jemanden mit Geschichte.

Die Botschaft, die dir dein Leben lang eingetrichtert wurde – “Du kannst nichts ändern” – war nie eine Wahrheit. Es war eine Erzählung, die andere aus ihrer Überforderung, aus ihren eigenen Ängsten und aus ihrer Prägung heraus gewählt haben. Du hast diese Erzählung übernommen, weil du als Kind gar keine andere Wahl hattest. Aber heute bist du nicht mehr dieses Kind.

Heute kannst du kleine Erfahrungen sammeln, die die alte Geschichte Stück für Stück infrage stellen. Jedes Mal, wenn du eine Grenze setzt, die du früher nicht gesetzt hättest. Jedes Mal, wenn du bewusst etwas nicht kontrollierst und merkst: “Ich überlebe das.” Jedes Mal, wenn du dir selbst glaubst, statt der Stimme aus der Vergangenheit. Das sind keine spektakulären Momente, sondern oft stille Verschiebungen. Doch genau in ihnen zeigt sich: Du kannst etwas ändern. Vor allem dich selbst und wie du mit dir umgehst.

Deine Kontrolle war lange Zeit deine Art, mit einer Welt zurechtzukommen, in der man dir deine Wirksamkeit abgesprochen hat. Sie war ein Versuch, Macht zurückzuholen, die dir nie hätte genommen werden dürfen. Wenn du das erkennst, kannst du beginnen, dir selbst nicht mehr feindlich gegenüberzustehen. Du kannst deine Kontrolle sehen wie eine alte Rüstung: Sie hat dich durch viele Schlachten gebracht, aber sie ist schwer geworden.

Du bist so ein “Kontrollfreak” geworden, weil man dir eingeredet hat, du könntest nichts ändern. Du bleibst es nur dann, wenn du diese Geschichte weiterschreibst. In dem Moment, in dem du anfängst, deine eigene Version zu erzählen, geschieht bereits das, was man dir immer abgesprochen hat: Du veränderst etwas. Nämlich die Richtung deines Lebens.

Markus Flicker

Markus Flicker – Kreativer Unternehmer mit anhaltender konstruktiver Unzufriedenheit. Steiermark Graz Gleisdorf Österreich // Finden und Erstellen von visuellen Lösungen für dein Unternehmen. Markus Flicker Fotograf & Videograf Graz Contentcreator & Autor Fotografie / Bildbearbeitung / Workshops / Reisen / Blog / Podcast

Schreibe einen Kommentar